Klettertag mit Andy Holzer
Kathrin Schoch, Pressereferentin
Blind zu sein, bedeutet nicht behindert zu sein, sagt der Kletterer Andy Holzer. Er weiß, wovon er spricht: Er sieht selbst nichts. Mit blinden und sehenden Kindern war er am Samstag, dem 20. September, im Eselsburger Tal klettern.
„Uiuiui.“ Die zwölfjährige Rebecca steht vor den Eselsburger Felsen bei Herbrechtingen auf der Alb und macht ein besorgtes Gesicht. „Wenn ich diesen Berg sehe, wird mir ganz schön mulmig“, gesteht sie. Rebecca wird an diesem Tag etwas ganz Besonderes erleben: Sie wird klettern gehen mit einem echten Bergspezialisten. Das wäre noch nichts Besonderes, wenn ihr Kletterpartner nicht Andy Holzer hieße. Der Extremkletterer aus Osttirol ist seit seiner Geburt blind. Rebecca selbst ist stark sehbehindert. Zusammen mit der sehbehinderten Jessica (15) und der blinden Anna-Lena (9), der Nikolauspflege in Stuttgart und sechs Kindern des Rupert-Mayer-Hauses in Göppingen wird sie heute erleben, was Andy Holzer in seinen Vorträgen und Seminaren vermitteln will: „Ihr könnt eure Barrieren überwinden und etwas schaffen, was ihr nie für möglich gehalten habt.“

Der Osttiroler ist auf Einladung der DRK-Bergwacht Göppingen in den Landkreis Göppingen gekommen. Nach einem Vortrag in der Eislinger Stadthalle am Vortag will er heute mit Kindern klettern. Die Aktion fällt in die bundesweite „Woche des bürgerschaftlichen Engagements“. Raimund Wimmer, Pressesprecher der Bergwacht erklärt: „Wir wollen uns in die Gesellschaft einbringen und halten integrative Projekte für äußerst wichtig.“ Sein Vorschlag, gemeinsam klettern zu gehen, traf beim Göppinger Rupert-Mayer-Haus, einem Kinderund Jugendhilfezentrum, und der Grund-, Haupt- und Förderschule der Stuttgarter Nikolauspflege, die blinde und sehbehinderte Menschen unterstützt, auf große Begeisterung. In beiden Einrichtungen gibt es Kletterangebote für die Kinder. Martin Schwarz, Betreuer einer Wohngruppe des Rupert-Mayer-Hauses: „Das Erlebnis, eine Kletterwand hochgeklettert zu sein, ist was Tolles für die Kinder. Sie haben etwas Besonderes geschafft und werden so zu jemand Besonderem.“ Sich darauf verlassen können, dass am Boden einer steht und die Kletternden absichert, fordert Vertrauen und Verantwortung von allen Beteiligten. Doris Jostock, Lehrerin der Nikolauspflege, ist überzeugt, dass die Begegnung mit Andy Holzer ihren Schülerinnen gut tun wird. „Dass da ein Erwachsener in der gleichen Situation ist wie sie und sagt, es gibt keine Handicaps – das finde ich spannend.“
Spannend wird es jetzt auch für die Kinder. Die Klettergurte sind umgeschnallt, die Helme aufgesetzt. Eine ruhige Minute bleibt den Teilnehmern vor dem Kontakt mit dem Fels nicht mehr wirklich. Ein Fernsehteam des SWR dreht einen Beitrag für die Landesschau, mehrere Pressevertreter sind anwesend. Der 42-jährige Andy Holzer, der als Masseur arbeitet, lässt sich von dem Trubel nicht stören. Mit netten Sprüchen gelingt es ihm, die scheue Anna-Lena aus der Reserve zu locken und will wissen, ob die beiden überhaupt ein Seil zum Klettern brauchen. „Na klar!“, ruft die Neunjährige entzückt. „Sonst macht's ja rutsch, rutsch, falls ich runterfalle.“ An Andy’s Hand geht’s zu den Felsen, Anna-Lena konzentriert sich auf die Worte ihres blinden Partners: Mit ihren Händen soll sie den Stein ertasten, sich einen Weg für die Füße suchen und sich so nach oben arbeiten. „Sehende Menschen sehen den Felsen, weißt du? Aber wir müssen uns ein Bild mit unseren Händen machen“, erklärt er ihr. Die Kinder des Rupert-Mayer-Hauses stehen fasziniert daneben. Patrick (9), sagt beruhigend: „Du kannst dir ganz viel Zeit lassen.“ Und Felix (11) fügt hinzu: „Genau, das ist ja kein Wettbewerb.“

Und so geht es gemeinsam hoch – begleitet vom Klicken der Kameras und den Rufen des Fernsehteams. Wie schwierig dieser Sport für Blinde ist, das zeigt sich jetzt: Andy, der diesen Felsen heute zum ersten Mal erlebt, sucht lange nach einem guten Einstieg. Wo sind Risse und Kanten im Fels, an die man sich klammern kann? Tipps gibt es von seiner Frau Sabine und seinem Kletterpartner Hansjörg, der ihn von unten absichert. Unbeirrt setzt das zarte Mädchen seinen Weg fort, lässt sich von schwierigen Partien nicht abschrecken. „Sollen wir aufgeben?“, fragt Andy an einer besonders kniffligen Stelle. Anna-Lenas entschiedene Antwort: „Nein, ganz bestimmt nicht!“ Und sie steigen weiter. Als die beiden erfolgreich wieder unten angelangt sind, spricht das breite Lächeln auf den Gesichtern von Anna-Lena und Andy Bände: „Ich war ganz oben, es war so toll!“, ruft das Mädchen begeistert. Und Andy meint: „Eine super Geschichte, oder? Genau so habe ich es mir vorgestellt.“ Doch Zeit zum Verschnaufen bleibt ihm nicht – alle wollen mit ihm klettern. Rebecca ist, schon mitten im Fels, gar nicht mehr nervös, sondern winkt lachend nach unten. „Ich bin so stolz“, sagt sie später. „Ich habe es auf den Berg geschafft.“