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Er ist von Geburt an blind und wagt dennoch, was viele Sehende sich nicht zutrauen: Der Osttiroler Andy Holzer ist Extremkletterer. Mit seiner lebensfrohen Art imponiert er vielen Menschen. Kathrin Schoch hat sich mit dem Energiebündel unterhalten - wie unter Kletterern üblich gleich per Du. "Jede Barriere ist eine Chance" Andy Holzer ist Extremkletterer und von Geburt an blind Der erste Gedanke vieler Menschen, wenn sie von Ihnen hören, ist sicher: Wie machen Sie das? Wie kann ein Blinder überhaupt klettern? ANDY HOLZER: Das ist gar nicht so schwierig. Das Klettern kommt einem blinden Menschen sehr entgegen. Ich fühle mich im Fels sehr viel sicherer als beim Wandern. Da muss ich nämlich aufrecht gehen und habe nur mit den Füßen Kontakt zur Umgebung. Beim Klettern kann ich dagegen meine Hände mit einsetzen, sie sind meine Augen. Ich taste den Fels ab und suche Tritte für meine Füße. Überall, wo ich die Füße hinsetze, war ich vorher schon mit den Händen. Ich spüre die Topographie und den Wind, und ich höre vor mir die Geräusche meines Kletterpartners. Daran kann ich mich orientieren. Obwohl ich blind bin, fühle ich mich nicht behindert. Ich habe halt ein Handicap, das dazu führt, dass ich etwas kreativer sein muss als andere Menschen. Ich baue mir die Bilder eines Berges selbst zusammen, indem ich ihn erklettere. Andere schauen sich dafür ein Foto oder eine topographische Karte an. Haben Sie beim Klettern keine Angst? HOLZER: Angst habe ich nur vor objektiven Gefahren, also vor einem Steinschlag oder einer Lawine. Die kann ich nicht beeinflussen. Die Angst ist für mich aber auch ein Parameter, der mich hellhöriger und feinfühliger macht. Vor dem, was ich selber falsch machen kann, habe ich eigentlich keine Angst. Denn das habe ich im Griff. Das geht aber auch sehenden Kletterern so. Klar ist es so, dass ich mir als blinder Kletterer jeden Schritt zehn Mal überlege. Ich sehe zwar vollkommen klar, dass ich benachteiligt bin, aber das hat meine Sinne geschärft. Und ich bewege mich noch einmal bewusster. Es ist halt so: Wenn ich einen Fehler mache, wenn ich zum Beispiel einen Haken verliere, dann ist er weg. Den finde ich nie wieder, auch wenn er nur ein paar Meter entfernt liegt. Wie sind Sie überhaupt aufs Klettern gekommen? HOLZER: Ich bin in einem 300-Seelen-Dorf mitten in den Osttiroler Bergen aufgewachsen. Da gehört das Wandern halt dazu, auch für Eltern mit blinden Kindern. Meine ersten Kontakte mit den Bergen als kleines Kind haben mich umgehauen. Du hörst das Rauschen des Bachs und die Schwingen der Vögel, du riechst den Duft der Tannen. Da dachte ich mir: Mensch, das ist ja eine Natur, da will ich mehr davon. Das Klettern haben mir meine Eltern zuerst nicht zugetraut. Aber bei der ersten richtigen Bergtour mit neun Jahren habe ich gemerkt, wie toll das ist. Ich bekam sofort so viele Infos vom Berg. Dass meine Eltern mir diese Erfahrungen ermöglicht haben und mich auch später so unterstützt haben, ist für mich ein wichtiges Fundament bis zum heutigen Tag. Mit welchen Gefühlen sind Sie in den Bergen unterwegs? HOLZER: Ich kann dir sagen, die Berge bedeuten für mich die absolute Freiheit. Weil: Je weiter ich hinauf komme, desto weniger Leute sind da. Und die, die da sind, die haben ihr Gehirn eingeschaltet. Und der Fels ist statisch, der bewegt sich nicht. Ich weiß, was mich erwartet. Viel stressiger ist es für mich, wenn ich in der Großstadt oder im Kaufhaus zwischen tausenden Menschen unterwegs bin. Die sind nämlich unberechenbar. Ich weiß nicht, wie sie reagieren, ob sie mir in den Weg laufen. In den Bergen passiert mir das nicht, da muss ich mich nur auf meine eigenen Sinne und meinen Partner verlassen. Das stelle ich mir schwierig vor: Sie müssen Ihrem Kletterpartner ja vollkommen vertrauen. HOLZER: Vertrauen ist das Geheimnis einer jeder Seilschaft, egal ob einer blind ist oder nicht. Dabei geht es um viel mehr als nur ums Klettern, das ist ein soziales Gefüge. Man setzt sich zusammen der Todesgefahr aus. Und es ist ja nicht so, dass ich nur hinterher dackele. Ich muss mich bei einer Tour schon um 50 Prozent kümmern und ganz selbstständig agieren. Die Leute, mit denen ich unterwegs bin, sind auf jeden Fall ganz besondere Menschen. Ganz lange hat Ihnen aber niemand zugetraut, dass Sie als Blinder klettern kannst. HOLZER: Ja, die Reaktionen waren am Anfang total negativ. Die meisten haben gesagt, der ist ja unverantwortlich, der stürzt sich ins Verderben. Ein Blinder in den Bergen, das muss einfach in einer Katastrophe enden. Ich bin dann anfangs mit meiner Mutter und meiner Frau Sabine geklettert, weil niemand mit mir mitkommen wollte, und da hieß es natürlich, jetzt bringt der Spinner auch noch andere in Gefahr. Und auch seit ich als Kletterer anerkannt bin, gibt es noch Leute, die mir meinen Sport übel nehmen. Für die schmälerst du als Blinder ja ihre Leistung, etwa in dem Sinn: Wenn jetzt schon Blinde auf den Mount McKinley kommen, ist das ja nichts mehr wert. Wie gehen Sie mit solchen Reaktionen um? HOLZER: Ach, darauf gebe ich nichts. Man könnte ja glatt glauben, solche Leute seien neidisch (lacht). Ich schwimme gegen den Strom und habe mich hoch gearbeitet, darauf bin ich stolz. Und es ist doch so: Es spielt überhaupt keine Rolle, ob du blind bist oder nur einen Arm hast, ob du einen Rucksack voller Geld hast oder ein armer Tropf bist. Es kommt darauf an, was du aus deinen Stärken machst. Sie haben sich nicht von Ihrem Traum abbringen lassen. . . HOLZER: Nein, natürlich nicht! Ich hab immer gespürt, hinter dem Klettern steckt viel mehr, das ist eine Lebenseinstellung. Ich habe mich immer dagegen gewehrt, dass ich als Blinder in eine Schublade gesteckt werde. Dabei habe ich schon vor dem Klettern Langlauf gemacht, hab an Rennen mit Tausenden sehenden Läufern teilgenommen. Das haben mir nicht mal meine Eltern zugetraut. Ich hab mir das Surfen beigebracht, gehe jeden Winter Skifahren. Und ich bin früher sogar Mountainbike gefahren. Wie funktioniert das denn? HOLZER: Beim Skifahren fahre ich einem Sehenden auf Zuruf nach. Das geht sehr gut. Beim Mountainbike fahren war ich dagegen alleine unterwegs. Wenn ich vorne den Abgrund gespürt habe, hab ich halt das Vorrad rumgezogen. Da grausts mir heute selber (lacht). Abwärts gings ganz langsam, ich musste mit den Beinen auf dem Boden schleifen, weil ich ja nicht wusste, wo es hingeht. Das mit dem Kletterpartner hat aber doch noch geklappt? HOLZER: Ja, der erste Kletterer, der mich mitnahm, war der Bergrettungsmann Hans Bruckner aus der Nähe von Lienz, 1990 war das. Ich durfte mir eine Tour aussuchen und dachte mir, wenn mich einmal einer mitnimmt, dann will ich auf den höchsten Berg in den Lienzer Dolomiten, die 2772 Meter hohe Große Sandspitze. Das hat wunderbar geklappt und ich habe dann zehn wunderschöne Jahre mit dem Hans Bruckner erlebt, wir waren im gesamten Ostalpenbereich unterwegs. Er war ein toller Lehrmeister. Und was mich sehr gerührt hat, war, als er einmal sagte: Der Andy hat mir das Sehen beigebracht. Hat Sie das Klettern verändert? HOLZER: Ja, sicher. Der Berg zeigt dir die Wahrheit, vor dem kannst du dich nicht verstellen. Den Felsen beeindruckt es nicht, wenn was passiert. Du bist verantwortlich für das, was geschieht und du bist in der Scheiße, wenn du in der Scheiße bist. Wenn du das begriffen hast, hast du auch was fürs restliche Leben gelernt. Sie bevorzugen die etwas extremeren Touren. Was zählen Sie zu Ihren bisherigen Highlights? HOLZER: Ein Höhepunkt war 2004 die Durchkletterung der Nordwand der Großen Zinne in den Dolomiten als erster Blinder in nur neun Stunden. Dann natürlich die Besteigung von vier der so genannten "Seven Summits", das sind die höchsten Berge jedes Kontinents: Der Kilimanjaro in Afrika 2005, ein Jahr später der Mt. Elbrus im Kaukasus für Europa, 2007 der Aconcagua in Südamerika und dieses Jahr im Frühjahr der Mt. McKinley in Alaska. Das waren beinharte Touren, die mir viel abverlangt haben. Etwas ganz Besonderes war auch eine Aktion mit dem blinden Kletterer Erik Weihenmayer aus den USA 2006: Ohne Begleitung sind wir zu zweit den Roten Turm in den Dolomiten geklettert - das hats noch nie gegeben. Gibt es Touren, die Sie sich nicht zutraust? HOLZER: Nein. Ich traue mir eigentlich alles zu, was andere Menschen schon gemacht haben. Meine Beeinträchtigung ist für mich kein Grund, etwas nicht zu machen. Was kommt als nächstes? Was haben Sie vor? HOLZER: Im Frühjahr 2009 will ich auf den Cho Oyu in Nepal/Tibet. Das ist der sechsthöchste Berg der Welt mit 8201 Metern. Vier der "Seven Summits" habe ich schon gepackt, es fehlen mir also noch drei. Der Mount Everest wäre natürlich ein Traum. Aber ohne Sponsoren besteht keine Chance, das ist zu teuer. Sie halten mittlerweile viele Vorträge, auch Motivationsseminare für Manager. Was ist Ihre Botschaft für diese Menschen? HOLZER: Es geht mir eigentlich gar nicht um den Andy Holzer. Es geht mir viel mehr um das Wunder Mensch und was alles möglich ist - trotz Einschränkungen. Ich möchte den Leuten zeigen: Wenn ich ohne Licht solche Sachen schaffen kann, dann geht bei dir auch was, was du eigentlich für unmöglich hältst. Jeder Mensch hat Schwierigkeiten, aber jede Barriere ist eine Chance. Man muss diese Barrieren nur überklettern. In uns steckt viel mehr drin, als wir glauben. STECKBRIEF Andy Holzer wird am 3. September 1966 in Lienz, Osttirol, mit einer Netzhauterkrankung blind geboren. Er besucht, wie sehende Kinder, die Volks- und Hauptschule und macht eine Ausbildung zum Heilmasseur und Heilbademeister. Seit 1984 arbeitet er in diesem Beruf am Bezirkskrankenhaus Lienz. Seine Eltern nehmen den Jungen schon mit drei Jahren mit in die Osttiroler Berge. Er stellt jedoch schnell fest, dass ihm das Klettern viel leichter fällt als das Wandern. 1990 unternimmt er die ersten Klettertouren mit seinem Lehrmeister Hans Bruckner. Auch seine Frau Sabine, die er 1990 geheiratet hat, und seine Mutter begleiten ihn oft in die Berge. Neben immer anspruchsvoller werdenden Klettertouren, auch mit anderen Blinden oder Bein- oder Armamputierten, fährt er Ski und Mountainbike, macht Langlauf und surft. Seit 1981 ist er auch als Musiker und Sänger bei der Tanzkapelle "Dolomitenduo". Vier der so genannten "Seven Summits", die höchsten Berge aller Kontinente, hat Holzer bereits bestiegen. Er engagiert sich für blinde Kinder und hält zahlreiche Vorträge. Für seine Leistungen wurde ihm 2007 der Life Award für Menschen mit einem Handicap in der Kategorie Sport verliehen. |