Nachgeforscht (19)
Es sind häufig die kurzen Meldungen, die unsere
Leser neugierig machen. Frank Buchmeier erzählt
in einer Serie Geschichten aus der Region Stuttgart,
die sich hinter wenigen Zeilen verbergen.


Großeinsatz für eine Unverletzte
Eine 18-Jährige täuscht reihenweise schwere Unfälle vor

Ulrike Stadelmayer ist gerade bei ihren Pferden auf der Koppel, als sie die Schreie vom gegenüber liegenden Hang hört. Erst denkt sie, am Roggenstein würden Kinder spielen. Dann ergeben die Töne ein Wort: „HIL-FE!“ Ulrike Stadelmayer holt ihren Mann aus dem Haus. Durchs Fernglas erkennt Hans Stadelmayer auf einer kleinen Lichtung, weit entfernt von jedem Weg, eine panisch winkende Person. Ulrike Stadelmayer eilt zur Notrufsäule an der Straße, Hans Stadelmayer klettert den Hang
hinauf. Der Großeinsatz beginnt.
Franziska Schmidt, deren wahrer Name verschwiegen werden soll, ist eine junge Frau
von der Schwäbischen Alb. Sie leidet unter einer seltenen seelischen Störung, dem Münchhausen-Syndrom. Keiner der rund fünfzig Retter, die am 27. Mai 2009 zum vermeintlichen Unglücksort eilen, kann ahnen, dass er an diesem Mittwochnachmittag auf die Inszenierung einer 18-Jährigen hereinfallen wird.

Der Architekt Hans Stadelmayer wohnt mit seiner Familie an der Landesstraße von Eybach nach Steinenkirch. Er musste schon mehrfach seine Erste-Hilfe-Kenntnisse anwenden, weil mancher Autofahrer die physikalischen Kräfte unterschätzt. Nun liegt Franziska vor ihm und erzählt stöhnend, dass sie mit dem Mountainbike gestürzt
und den halben Steilhang hinuntergerutscht sei. Sie habe starke Rückenschmerzen
und könne sich kaum bewegen. Stadelmayer vermutet eine Wirbelverletzung. Er weiß, dass er in diesem Fall nichts tun kann, außer der Schwerverletzten gut zuzureden, bis die professionellen Helfer eintreffen. Plötzlich beginnt Franziskas Körper zu zucken. Offenbar ein Krampfanfall.
Um 16.57 Uhr piepst der Funkmelder in Raimund Wimmers Hosentasche. Der hauptberufliche Fotograf ist gerade dabei, ein paar Bilder am Computer zu bearbeiten, doch das Ehrenamt geht vor. Wimmer ist seit 31 Jahren Mitglied der Göppinger Bergwacht, die immer dann gerufen wird, wenn in unwegsamem Gelände ein Unfall passiert ist. Wimmer half, als ein Hubschrauber am Bossler abgestürzt war, als ein Vierzigtonner bei Gruibingen von der A 8 geschleudert wurde oder als ein Mann vom Maustobelviadukt 30 Meter in die Tiefe gefallen war. In diesen Fällen barg er die Toten. An diesem Mittwoch hofft er, dass er Leben retten kann. Wimmer streift seinen Einsatzanzug aus warmem Fleece über. Mit Blaulicht und Martinshorn geht’s im Geländewagen zum Albtrauf.
Als Raimund Wimmer und seine sieben Kollegen von der Göppinger Bergwacht gegen 17.15 Uhr am Roggenstein eintreffen, wimmelt es dort bereits von Einsatzkräften: Polizei, die Feuerwehren Eybach und Geislingen, Rettungswagen, Notarzt. Mehrere Männer machen sich mit schwerem medizinischem Gepäck auf, die Unglücksstelle vom Tal aus zu erreichen. Wimmer wird vom Einsatzleiter instruiert, mit drei Leuten vom Berg aus vorzudringen. Wimmer schaltet den Allradantrieb ein und steuert den Geländewagen über zerfurchte Wege, der örtliche Förster navigiert.

Um 17.21 Uhr trifft der Notarzt bei Franziska ein. Die 18-Jährige wirkt apathisch. „Mein Rücken tut so weh“, jammert sie. Und: „Ich bin Epileptikerin.“ Der Mediziner verabreicht mehrere Spritzen, legt einen Zugang für die Infusionen, ordnet die Beatmung per Transportrespirator an. Trotzdem droht die Patientin ohnmächtig zu werden. Es scheint akute Lebensgefahr zu bestehen. Ein Rettungshubschrauber muss schleunigst her!
Warum spielt ein unversehrter Mensch, selbst um den Preis schmerzhafter medizinischer Eingriffe, die Rolle eines Leidenden? „Hinter dem Münchhausen-Syndrom steckt eine komplexe psychische Störung“, sagt Annegret Eckhardt-Henn, Ärztliche Direktorin am Stuttgarter Bürgerhospital. „Die Betroffenen sind zwanghaften oder suchtartigen Impulsen unterworfen, die sie nicht kontrollieren können.“ Es gibt Fälle, in denen über viele Jahre Ärzte getäuscht wurden, ehe jemand bemerkte, dass der Patient nicht körperlich, sondern seelisch erkrankt ist. „Solche Menschen sind keine Simulanten“, sagt Annegret Eckhardt-Henn. Franziska belügt nicht nur ihre Umwelt, sie belügt auch sich selbst.
Der Hang ist extrem steil und von Sturmholz übersät, es besteht Steinschlaggefahr. Um Franziska mit der Gebirgstrage ins Tal zu bringen, muss die Bergwacht zwei Verankerungen am Fels anbringen. Gleichzeitig schlagen die Feuerwehrleute mit Kettensägen eine Schneise durch den dichten Wald bis hinunter zur Straße. Die Trage wird durch Seile gesichert, Raimund Wimmer und drei seiner Kameraden heben sie an und schleppen die 18-Jährige durch das unwegsame Gelände hinunter zur Straße. Um 18.43 Uhr ist für Raimund Wimmer der Einsatz beendet. Franziska wird ins Bundeswehrkrankenhaus nach Ulm geflogen. Dort stellen die Ärzte fest, dass die 18-Jährige vollkommen unversehrt ist. Am folgenden Tag findet die Polizei ihr Fahrrad – mehr als einen Kilometer vom angeblichen Unfallort entfernt.
Wenn Gerda Schmidt über ihre Tochter sprechen soll, kommen ihr die Tränen. „Ich kann doch nicht jeden Moment auf Franziska aufpassen wie auf ein kleines Kind“, schluchzt sie in den Telefonhörer. „Wissen Sie eigentlich, wie sehr mich das alles belastet? Ich muss jeden Tag neun Stunden bei der Arbeit funktionieren.“ Gerda Schmidt hat sich früh scheiden lassen. Für ihre Tochter sei die Trennung von Anfang an schwierig gewesen. „Bis heute ist sie zwischen mir und ihrem Vater hin- und hergerissen. Sie leidet unter der Situation.“ Daran hätten auch mehrere Psychotherapien nichts geändert. „Ich weiß nicht mehr weiter.“

Im Frühjahr 2007 hat Franziska den Hauptschulabschluss gemacht. Monatelang suchte sie nach einer Lehrstelle, bis sie endlich einen Ausbildungsplatz als Köchin fand. Kurz darauf diagnostizierte ein Neurologe „Verdacht auf Epilepsie“, ihren gewählten Beruf könne sie mit dieser Krankheit nicht ausüben. Womöglich gehört die Rolle der Epileptikerin zu Franziskas schauspielerischem Repertoire. Fest steht: in den vergangenen zehn Monaten will sie vom Fahrrad, mit Inlinern, von Bäumen und Felsen gestürzt sein. Elf solcher Fälle sind aktenkundig, niemals war Franziska wirklich verletzt. Doch erst nach der dramatischen Rettungsaktion am Roggenstein ist die Kette der simulierten Unfälle aufgefallen. Der Göppinger Polizeisprecher Uli Stöckle erklärt die schleppenden Ermittlungen damit, dass die Rettungseinsätze in vier Landkreisen stattfanden und immer eine andere Dienststelle betroffen gewesen sei. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Franziska Schmidt. Ob ihr Fall die Grenzen der Gerichtsbarkeit überschreitet, muss ein Gutachter klären.

„Es hilft nicht, die Betroffene anzuklagen“, sagt die Medizinerin Annegret Eckhardt-Henn, die sich seit 30 Jahren mit schweren Persönlichkeitsstörungen wie dem Münchhausen-Syndrom beschäftigt. „Man muss herausfinden, weshalb diese junge Frau eine Krankenrolle erzwingen will, was psychologisch dahintersteckt und wie man sie behandeln kann.“ Franziska Schmidt wurde am Abend des 27. Mai von der Ulmer Unfallchirurgie in eine psychiatrische Abteilung verlegt. Zurzeit darf sie die Klinik nicht verlassen.


Seelisch krank
Es gibt Menschen, die sich selber schädigen, indem sie eine Krankheit oder Verletzung vortäuschen. Das Münchhausen-Syndrom, eine Unterform dieser sogenannten Artifiziellen Störungen, ist eine extrem seltene psychische Erkrankung, die erstmals 1951 von dem englischen Internisten Richard Asher beschrieben wurde. Die Betroffenen nehmen eine Patientenrolle an und erzwingen medizinische Eingriffe und Behandlungen. Das Münchhausen-Syndrom tritt fast immer bei Patienten auf, die aus massiv gestörten Familiensystemen kommen. In ihrer Kindheit waren sie traumatisierenden Erlebnissen ausgesetzt, etwa Trennungs- oder Verlusterfahrungen.


Die Serie erscheint in loser Folge
auf dieser Seite. Alle Stücke unter
www.stuttgarter-zeitung.de/
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