Die Hände und die Ohren sind Andy Holzers Augen
Ein blinder Extrembergsteiger klettert mit Kindern

EISLINGEN. Von ein bisschen Gegenwind hat sich Andy Holzer noch nie ins Bockshornjagen lassen. Der blinde Extrembergsteiger ist am Wochenende bei der Göppinger ßergwacht zu Gast gewesen - und hat Kindern gezeigt, dass vieles möglich ist, wenn man es sich nur zutraut.


Von Carola Fuchs


Gegen Höhenangst hat Andy Holzer ein Rezept. „Sie dürfen einfach nicht nach unten schauen", sagt der 42-Jährige und lacht. „So mach ich's auch immer." In diesem einen Punkt hat es der Osttiroler leichter als Sehende, denn Andy Holzer ist von Geburt an blind. Nicht behindert, darauf legt er Wert, sondern gehandicapt. Schließlich kann er das, was seine Augen nicht sehen, immer noch schmecken, riechen, hören und fühlen. Und mit diesen vier Sinnen hat der Extrembergsteiger Wagnisse unternommen, an die sich die meisten sogenannten Nichtbehinderten nicht im Traum herantrauen würden.
Am 30. Mai dieses Jahres etwa stand er um 15.15 Uhr zusammen mit seinem vierköpfigen Team auf dem 6195 Meterhohen Gipfel des Mount mc Kinley in Alaska, dem höchsten Berg Nordamerikas und dem kältesten Berg der Erde - als erster blinder Europäer , hatte er es geschafft. Ein gemütlicher Spaziergang ist das nicht gewesen. Bei minus 52 Grad Celsius, pfiff den Mannen mit hundert Stundenkilometern ein kräftiger Wind um die Ohren. Andy Holzer verklärt die Expedition nicht. Eine Schinderei sei die Tour gewesen, erzählt er, einfach saukalt war es, und gestürmt habe es obendrein.

Aber von ein bisschen Gegenwind hat sich Holzer, der zweite blinde Sohn seiner Eltern, noch nie ins Bockshorn jagen lassen. Nicht beim Mountainbikefahreri, nicht beim Langlaufen, nicht beim Skifahren - und nicht beim Bergsteigen. Er hat lange bitten und bohren müssen, bis er endlich jemand gefunden hatte, der mit einem Blinden auf Klettertour ging. Das war 1990. Er lernte, mit seinen Händen und anhand des Schaiis, den der Fels zurückwirft, die Routen zu lesen.
An diesem Wochenende ist er bei der Bergwacht GÖppingen zu Gast, die ihr 70-jähriges Bestehen feiert. Raimund Wimmer, der Pressesprecher des 45 Mitglieder zählenden Vereins, hatte Holzer im vorigen Jahr bei einem Bergfilmfestival .im österreichischen Going kennengelernt und eingeladen. Holzer kam, um mit neun Kindern des Göppinger Rupert-Mayer-Hauses, einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhiife, sowie der Stuttgarter Nikolauspflege, der Stiftung für blinde
und sehbehinderte Menschen, im Eselsburger Tal auf der Schwäbischen Alb zu klettern.
Mit Anna-Lena Fischer zum Beispiel, die wie Holzer von Geburt an blind ist. Das neunjährige Mädchen wirkt zunächst verschüchtert, als der Extrembergsteiger ihr den Klettergurt anlegt. Der Eindruck täuscht. „Was sie anpackt", sagt ihre Mutter Elke Fischer, „das schafft sie auch." Beim gemeinsamen Reiten könne es ihrer Tochter nicht schnell genug gehen, immer nur Schritt, immer nur Trab, beschwere sie sich dann: Der Galopp sei Anna-Lena weitaus lieber. Sie selbst habe gelernt, ihrer Tochter zu vertrauen. „Man traut den Kindern schnell einmal zu wenig zu", sagt Elke Fischer.
Die Neunjährige ist derweil ein bisschen aufgetaut. Als Andy Holzer sie an ihrem Klettergurt in die Höhe hebt, lacht sie fröhlich, fragt aber vorsichtshalber noch einmal nach, ob sie sich alleine sichern müsse. muss sie nicht. Anna-Lena legt Wert darauf, dass auch Andy Holzer seinen Gurt überstreift. „Ich möchte keinen verletzten Bergsteiger haben", sagt das Mädchen ernst. Ihr Kletterpartner vernimmt das erheitert.
Dann geht es an die Wand. Senkrecht geht es hinauf, der Fels ist glatt, und gleich zu Beginn gilt es eine heikle Stelle zu überwinden: Dort ist es schwer, Haltegriffe für die Füße und die Hände zu finden. Andy Holzer lässt Anna-Lena den Fels abtasten. „Bevor du kletterst, musst du wissen, wo du hinsteigst", sagt er, „sonst kommst du in die Kacke." Auch Holzer tut sich zunächst schwer, den richtigen Weg zu finden. Doch gemeinsam tasten sie sich voran, Anna-Lena beißt sich durch. Oben angekommen, strahlt sie mit ihrer Mutter um die Wette. Später wird sie die Route noch einmal steigen, schneller dieses Mal und sicherer.
Auch ihr Kletterpartner freut sich, Anna-Lenas Hartnäckigkeit auch an schwierigen Passagen hat ihm gefallen. „Sie hat die Sache durchgezogen und nicht gleich aufgegeben", sagt Andy Holzer - Handicap hin oder her.

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Andy Holzer

Andy Holzer ist ein erfahrener Bergsteiger. Neben dem Mount Mc Kinley in diesem Jahr hat der 42-Jährige, der als Heilmasseur im Lienzer Krankenhaus arbeitet, unter anderem bereits den 6962 Meter hohen Aconcagua in Südamerika und den Kilimandscharo in Afrika erklommen sowie den Montblanc längs überschritten. Darüber hinaus ist der Tiroler ein begeisterter Tourenskifahrer. Weitere Informationen unter www.andy.diealpen.at. cls