Heidenheimer Zeitung 18.Juni 2009

Krankheit treibt Frau in Notlagen
Polizei zeigt 18-Jährige an, elf Rettungsaktionen provoziert zu haben – Womöglich leidet sie am Münchhausen-Syndrom

Der Fall ist ungewöhnlich und zieht deshalb so viele Schlagzeilen nach sich: Eine 18-jährige Heidenheimerin bringt sich absichtlich in Notlagen, aus denen sie von Rettungskräften geborgen werden muss. Zuletzt aus einem unwegbaren Steilhang am Albtrauf von Eybach.
Von Karin Fuchs
Die letzte Schlagzeile stand gestern in der Stuttgarter Zeitung. Der Autor recherchierte im Umfeld der 18-Jährigen, die nach der vorläufig letzten Rettung bei Eybach Ende Mai in eine psychiatrische Abteilung verlegt wurde, die sie momentan nicht verlassen darf.
Elfmal hat sich die junge Frau retten lassen, hat Unfälle fingiert mit dem Fahrrad, mit Inlinern, zu Fuß und teils schwere Verletzungen vorgespielt. Doch verletzt war sie niemals wirklich. Auf den Zusammenhang ist die Göppinger Polizei eher per Zufall gestoßen bei Gesprächen unter Kollegen von anderen Dienststellen. Da die Frau immer an anderen Orten in Not geriet, dauert es lange, bis die Beamten auf die Deckungsgleichzeit der geretteten Person stießen. Schließlich, so der Polizeisprecher von Göppingen, Uli Stöckle, würden im Gegensatz zu Straftaten die persönlichen Daten der geretteten Personen nicht gespeichert und innerhalb der Polizei zugänglich gemacht. Die Göppinger Polizei fragte die umliegenden Polizeidirektionen ab und kam dabei auf elf von der Frau provozierte Einsätze in vier Landkreisen, darunter im Eselsburger Tal, in Gussenstadt, Heidenheim und Königsbronn. Während die Frau psychiatrisch behandelt wird, bereitet die zuständige Polizeidienststelle in Böhmenkirch eine Anzeige gegen die 18-Jährige an die Staatsanwaltschaft Ulm vor wegen Missbrauchs von Notrufen. Damit müsse rechnen, wer zu Unrecht den Notruf benutzt oder sich absichtlich in ausweglose Lagen bringt oder diese vortäuscht, um die Rettungskräfte zu alarmieren, so Stöckle. Ein Einsatz wie der in Eybach kostet tausende von Euro. Schließlich waren rund 50 Hilfskräfte von Bergwacht, Polizei, Feuerwehr und Rotem Kreuz sowie Ärzte im Einsatz. Ein Rettungshubschrauber war eineinhalb Stunden lang für andere Einsätze blockiert, weil er auf die Bergung der angeblich schwer verletzten Frau aus dem schwierigen, steinschlaggefährdeten Gelände wartete, zu dem teilweise erst ein Zugang durch die Bäume frei geschlagen werden musste. Nun ist es jedoch nicht gewiss, ob der Fall auch juristische und vor allem finanzielle Folgen für die 18-Jährige haben wird. Denn womöglich hat sie ihre Notfälle nicht absichtlich provoziert, sondern handelte aus einem krankhaften Zwang heraus. Laut Stuttgarter Zeitung könnte die Frau am Münchhausen- Syndrom leiden. Die Betroffenen nähmen eine Patientenrolle an und erzwängen medizinische Eingriffe und Behandlungen. Diese Krankheit trete bei Patienten auf, die aus massiv gestörten Familiensystemen kämen. Wie die Mutter der 18-Jährigen zitiert wird, sei für die Tochter die Trennung der Eltern schwierig gewesen.

Wegen dieser womöglich krankhaften Störung hat die Göppinger Polizei zusätzlich zur Staatsanwaltschaft auch den Leiter des Heidenheimer Ordnungsamtes informiert, um mehr über die kranke Frau herauszufinden. Letztendlich wird ein Gutachten entscheiden, ob die Frau wegen ihrer provozierten Unfälle belangt oder gar verurteilt werden kann.

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